Da sitzen sie vor mir. Aufgeweckte, sympathische
15jährige. Und woran denken sie? An Osmose, Symbiose, Quintenzirkel oder Karl den Kahlen?
Von wegen! An S E X natürlich und zwar immerfort.
Schüler beiderlei Geschlechts haben im zarten Alter der Pubertät nur noch eine
Assoziation. Jeder Gegenstand, der im Unterricht auftaucht und länger als breit ist,
läßt sie kichern, feixen und hochrot vor Anstrengung unter dem Tisch versinken. Freud
hat nicht geahnt, was alles als Penissymbol herhalten muß! Und wenn das Wort dann auch
noch offen fällt zu schön, um wahr zu sein! Leider haben die meisten Vierbeiner
Schwänze, was den Biologieunterricht stark erschwert. Aber wie soll man diese Fortsetzung
der Wirbelsäule sonst nennen?
Welcher von der Realität unbeleckte Texter hat bloß im
Sprachbuch die Überschrift "Vom Satzglied zum Gliedsatz" gewählt? Wenn man
nicht zehn Minuten Zeit für dreißig Jugendliche übrig hat, die stöhnend und gackernd
zitieren: "Vom Satzglied zum Gliedsatz", sollte man diese Seite niemals
aufschlagen lassen.
Arglos übersetzt der Englischlehrer das Wort "member"
als Mitglied. Hohoho, gibts denn auch "ohne Glied"?! An sich
unverdächtige Wortzusammensetzungen mit "Vogel ..." können den Gang einer
Unterrichtsstunde auch sehr behindern. Normalerweise vergessen die Schüler die
Strichelchen über a, o und u sehr gerne; hier verwenden sie sie geradezu begeistert.
Wenn man in der Schule Tänze lehrt, müssen die Anweisungen
kurz und knackig sein. Man hat keine Zeit, zur Musik zu flöten: "Und nun machen wir
einen Schritt zur Kreismitte und wieder einen heraus." Also heißt es: "Rein und
raus, rein und raus ..." Den Tanz können Sie vergessen. Kein Musikwissenschaftler
hat je bedacht, was er den armen Schulmeisterlein antut. Lassen Sie nur mal die
Instrumente des Orchesters aufzählen und schon windet sich die Klasse kreischend
am Boden: "Holzblasinstrumente!" Gacker, gacker!
"Blechblasinstrumente!!" Gacker, gacker!!! "Und Flöten ..." (siehe
oben, Stichwort: länger als breit ...).
Die Zahl Sechs sollte aus der Mathematik einfach gestrichen
werden. Denn oft reicht es schon, die Zahl lediglich zu nennen. Sofort beginnen die
Jugendlichen mit leuchtenden Augen zu skandieren: "Sssex, Sssex, Sssex!!!" Und
erst die "fiktive Literatur"! Da kann man noch so sachlich auf ähnliche
Wortwurzeln im Mittelhochdeutschen, auf Ursprungsbedeutungen im Lateinischen verweisen,
die Fröhlichkeit ist nicht zu bremsen. Wie aus einem Mund tönt es:
"Fick-tief!!!" Hahahaha!!!
Manche Kollegen sind noch recht naiv und meinen, vor den Ferien
neckische Schreibspiele veranstalten zu müssen, Marke: "Onkel Fritz sitzt spritzend
in der Badewanne." Im Schutz der Anonymität erblühen bei diesen Spielen die
erlesensten Schweinereien. Die Handelnden in den von den Schülern erfundenen Sätzen
tauchen stets im Puff, im Bett oder auf dem Klo auf (es sei denn, diese Orte werden von
vornherein ausgeschlossen, dann treiben es die Betreffenden halt beim Psychiater).
Gern schreibt man sich im Unterricht auch Briefe, die der Lehrer
dann neugierig kassieren und anschließend im Lehrerzimmer zum Vortrag bringen kann
falls er nicht allzu sensible Kollegen hat.
Jede pubertierende Klasse hält sich für besonders originell,
wenn sie dem männlichen Lehrpersonal den Schreibtisch mit Tampons dekoriert oder dem
weiblichen Personal Präservative über die Türklinke stülpt. Wenn der Lehrer dann
leicht gelangweilt reagiert, sind die Kinder arg enttäuscht. Sie wollen wallende
Empörung, Ekel, Entsetzen.
Damit können wir leider nicht dienen, denn wir sind abgebrüht.
Schließlich sind in der gesamten Schule alle erreichbaren Flächen bemalt und
beschriftet. Mit Geschlechtsteilen in all ihren Varianten und Funktionen. Diese finden
sich im bezaubernden Stil naiver Höhlenmalerei auf Arbeitsblättern, in
Physik- und Liederbüchern, auf Tischen, Stühlen und auf Toilettenwänden.
Mehr dazu an anderer Stelle. Denn: "Form und Inhalt der
Graffiti auf Schülertoiletten in koedukativer, pädagogischer und philosophischer
Hinsicht" das wird das Thema meiner Promotion. Und des nächsten Elternabends
...
aus ELTERN for family 5/98